Diet Culture – Warum wir nicht alles glauben sollten, was uns die Diätindustrie erzählt.


Der Blick wandert den Bauch hinunter. Das T-Shirt leicht angehoben, um zu erspähen was darunter liegt. Eine Drehung nach rechts, eine nach links. Und wieder nach rechts. Zum Spiegel und wieder zurück.
Ist er dicker geworden? Der Bauch. War er nicht mal flacher?
Und was ist das?
Von oben betrachtet sieht er so unendlich aus. Und von der Seite? Was sagt die Waage?

Was sagt die Gesellschaft?
Dünn sollen wir sein, nicht wahr? Am besten skinny. Size Zero. Schlank mit Rundungen an den richtigen Stellen. Es sollte nichts hängen. Und erst recht sollten keine Dellen zu sehen sein. Der Kampf gilt schließlich der Cellulite.
Also quälen wir uns von einer Diät zur anderen, kaufen Anti Cellulite Cremes, stellen uns tagtäglich, manchmal vielleicht auch mehrmals am Tag, auf die Waage. Alles um schlank zu sein. Und hübsch. Um uns selbst etwas mehr zu mögen. Oder so zu sein wie wir denken, dass andere uns haben wollen. Hungern während der Woche, nur um am Wochenende normal essen zu können. Um uns mal was Süßes oder Däftiges zu erlauben. Damit wir später auf der Waage kein schlechtes Gewissen haben müssen.
Besonders in sich hat es die Herbst- und Winterzeit. Besonders der Winter. Wenn wir uns in Lagen aus Stoff hüllen und von diversen Versuchungen umgeben sind.
Winterspeck nennt sich das. Den wir dann im Frühjahr wieder versuchen wegzutrainieren. Um im Sommer eine möglichst perfekte Bikini-Figur vorweisen zu können.

„Verliere 5 Kilo in 14 Tagen“

Eine unzähliger Modemagazinüberschriften, die genau um dieses Problem wissen. Und uns Empfehlungen geben wie wir in möglichst kurzer Zeit schnell viel Gewicht verlieren können. Alles was wir dafür tun müssen ist uns für ein paar Tage (oder Wochen) zu quälen. Strikte Ernährungspläne, die uns manchmal sogar einen beliebigen Tag lassen, an welchem wir essen dürfen was wir wollen.

Die heutige Diet Culture nennt das u.a. Cheat Days. Ein Tag mal alles essen worauf man Lust hat sozusagen. So gibt es dann gute und schlechte Lebensmittel. Die unser Denken und unseren Alltag bestimmen, sodass wir manchmal gar nicht mehr wissen wie normales Essen eigentlich funktioniert.
Eine Kalorienrestriktion jagt die nächste und statt unserem Ziel näher zu kommen, quälen wir uns mit dem sogenannten JoJo-Effekt. Und genau dort lenkt die Diet Culture einmal mehr ein.

Ein ganzer Industriezweig rund ums Abnehmen

Aus dem Wunsch nach dem perfekten Körper hat sich ein ganzer Industriezweig entwickelt. Einer, der auch ziemlich gut verdient. Im Jahr 2020 soll in Deutschland der Umsatz mit diätetischen Nahrungsmitteln rund 2,56 Milliarden Euro ausmachen. Vor gut zehn Jahren war es gerade einmal die Hälfte.

Shakes, Pülverchen und Tabletten, die uns beim Streben schlank zu sein unterstützen sollen. Lightprodukte und unzählige Ernährungstrends, die uns versprechen der einzig Wahre zu sein.

Die Liste ist lang.

Angefangen bei Lowcarb in verschiedenen Versionen. Natürlich immer wieder neu und ganz anders als der Vorgänger oder die Ursprungsversion, die sogenannte Atkins Diet. Über ehemals Weight Watchers. Heute unter neuem Namen: WW. Bis hin zu Highcarb Low Fat und diversen Fastenkuren.

Da kann man schnell einmal den Überblick verlieren. Und ein jeder dieser Ernährungsvariationen erzählt uns dasselbe: Wenn wir ihnen folgen, werden wir schlank. Endlich abnehmen und unsere lang ersehnten Ziele erreichen.

Und so glauben wir an die Versprechen diverser Ernährungsgurus, kaufen ihre Bücher oder nehmen an ihren Ernährungsprogrammen Teil, um irgendwann genauso schlank auszusehen wie die Körper derer, die uns in den Medien entgegen lächeln. Und von unserem Geld profitieren.

Alles gar nicht so unlogisch

Im medialen Sammelsurium diverser Ernährungsmythen klingt vieles von dem, was man zu hören bekommt, meist gar nicht so unlogisch. So ist Soja eine Giftpflanze (obwohl es dazu keine eindeutige Studienlage gibt) und manche sind sogar so obcessed, dass sie auf eine reine Fleischernährung schwören, um langfristig gesund und fit zu sein.

Auf diese Weise hört man dann viele Erklärungen, wie:

  • Der Mensch ist ein Frugivore und deshalb sind wir von Natur aus darauf ausgelegt uns highcarb zu ernähren. Am besten möglichst fettfrei. Denn das ist schlecht für uns.
  • Der Mensch war schon immer ein Allesesser. Schon seit der Steinzeit haben wir uns sehr fleischreich ernährt und sind nicht darauf ausgerichtet Produkte aus Weizen zu konsumieren. Denn Landwirtschaft gab es in der Steinzeit nicht. Und unsere Physiologie, damit auch unser Verdauungstrakt, befindet sich noch immer im Zustand der Steinzeit.
  • Die natürliche Ernährungsweise des Menschen war schon immer Rohkost. Denn durch das Kochen gehen viele wichtige Vitamine verloren. Und andere Lebewesen auf dieser Erde ernähren sich natürlicherweise ja auch rohköstlich. Folglich kann Rohkost für den Menschen nur natürlich sein.

Was ist nun überhaupt wahr? Und was nicht?

Jeder Ernährungstrend ist der einzig Wahre. Die Art, wie wir uns alle ernähren sollten. Dabei verkauft sich der Vorteil durch die jeweilige Ernährungsweise seine Abnehmziele zu erreichen meist besonders gut.

Wenn wir uns highcarb ernähren und dann erst einmal zunehmen, manchmal vielleicht zehn oder zwanzig Kilo oder mehr, dann ist das nur normal. Schließlich leiden wir an „Metabolic Damage“. Woher dieser Begriff stammt, fragwürdig. Und dennoch verkauft sich das Konzept. Denn es klingt so einleuchtend. Hervorgerufen durch Diäten aus der Vergangenheit und weil wir unseren Körper falsch behandelt haben, muss sich unser Metabolismus erst einmal wieder erholen. Irgendwann, in ein paar Jahren vielleicht, wenn wir dieser Ernährungsweise nur lange genug folgen, werden wir schon ganz von alleine abnehmen. Daher wird dann auch geraten mal gut 3000 Kalorien zu sich zu nehmen. Jeden Tag, als sogenannter Durchschnittswert. Dass nicht jeder Mensch denselben Kalorienverbrauch hat und solch ein Overeating langfristig zu Gewichtszunahme führen kann…?
Es ist ja auch vollkommen normal Zwei-Liter-Smoothies mit zehn Bananen zum Frühstück zu trinken und damit eine gute dreiviertel Stunde beschäftigt zu sein.

Oder zwei Salatköpfe in einer Sitzung zu Abend zu essen.Oder gekochtes Essen als ungesund und schlecht zu betrachten. Zu denken, dass das nicht natürlich für uns sei. Ungeachtet des Aspekts, dass durch eine Rohkosternährung, vor allem vegan, einige Lebensmittelgruppen wegfallen. Alleine Reis und Kartoffeln zum Beispiel. Und dass man hierbei sehr auf seine Ernährungsweis bedacht sein muss, um nicht etwaige Nährstoffmängel in Kauf zu nehmen. Denn Rohkost ist auch nicht gleich Rohkost.
Oder aber auch trotz nicht vorhandener Glutenunverträglichkeit auf Gluten zu verzichten. Schließlich ist es der Weizen, der uns dick macht. Und unser noch in der Steinzeit verweilender Magen, der sich nicht an die moderne Landwirtschaft gewöhnt hat.

Zu jeder Ernährungsphilosophie gibt es dann auch das passende Lesematerial. Manchmal auch logisch klingend, unterstützt durch entsprechende Studien.
Untermauert mit wissenschaftlichen Erkenntnissen klingt das alles natürlich gleich viel glaubwürdiger. Nicht wahr?

Doch manchmal fehlt selbst das. Da werden Menschen dann Ernährungskonzepte und Programme verkauft, die ihnen bei gesundheitlichen Problemen wie beispielsweise Blähungen, aber natürlich auch bei der Gewichtsabnahme helfen sollen, so vollkommen ohne fundierte Informationen dahinter.
Food Combining nennt sich da eines dieser sogenannten Wunderkonzepte. Basierend auf der Theorie, dass Lebensmittel unterschiedlich schnell verdaut werden und sich dadurch gegenseitig behindern, wenn sie falsch kombiniert werden.
Folglich soll man Obst beispielsweise nur morgens zu sich nehmen. Und mal ein Apfel mit Erdnussbutter – auf gar keinen Fall! Denn das entspricht ja nicht den Regeln.

Wozu Regeln befolgen für welche es keine fundierte Grundlage gibt?
Auf diese Weise überschwemmt ein Ernährungskonzept nach dem anderen den Markt, stets mit der Prämisse, dass es das einzig Wahre ist und wir davon nur profitieren können.

Woher sollen wir also wissen was gesunde Ernährung bedeutet, wenn wir es nicht wissen?

Denn, was ist der Grund warum wir uns von solchen Ernährungsprogrammen angesprochen fühlen?

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Wenn Ernährung zur Obzession wird

Ernährung ist etwas, das uns jeden Tag umgibt. Wir können nicht einfach mal aufhören zu essen. Doch für viele von uns ist genau das nicht selten ein Problem. Teilweise eine Kompensation. Für Gefühle, für Stress, für fehlende Liebe.

Über die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist heutzutage übergewichtig. Profitabel für die heutige Diet Culture. Davon, uns zu versprechen Abhilfe zu schaffen und damit unsere Probleme zu lösen. Wir müssen nur gewisse Regeln befolgen.

Doch was lernen wir daraus?

Orthorexie nennt sich einer dieser Begriffe, die einen gestörten Bezug zu Essen beschreiben sollen.

Der Ausdruck Orthorexia nervosa ist der vorgeschlagene Name für das Krankheitsbild einer Essstörung, bei der die übermäßige Beschäftigung mit der Qualität der Lebensmittel aufgrund selbst auferlegter Regeln zu psychischen und/oder physischen Beeinträchtigungen führen kann. (Wikipedia)

Möglichst rein und unverarbeitet soll all jenes sein, das wir unserem Körper zuführen. Der Inbegriff von Gesundheit. Denn wer gesund sein möchte, der muss bei einer Pizza am Wochenende ein schlechtes Gewissen haben. Dasselbe gilt für eine Tafel Schokolade am Abend auf dem Sofa. Und jetzt in der Winterzeit? Vorsicht!

Gute und schlechte Lebensmittel. Solche, die mit anderen nicht zusammen gegessen werden dürfen. Mittags Lust auf einen Apfel? Tja, nach den Regeln des Food Combining ein No Go. Ein neuer Food-Trend aus dem Bereich der Ayuverdischen Medizin, der momentan einmal mehr die Runde macht.
Regeln, die uns sagen wollen welche Lebensmittel wir zu welcher Tageszeit zu uns nehmen sollen. Nicht, dass sich verschiedene Nahrungsmittel in unserem Magen „stauen“ sozusagen. Denn es geht um eine möglichst schnelle und reibungslose Verdauung.
Oder Lust auf eine Pizza? Wie wäre es mit einem Pizzaboden aus Thunfisch und Eiern? Dazu ein Belag aus Salami und Käse?
Denn Carbs are bad for you. Dabei spielt es dann manchmal auch keine Rolle um welche Art von Kohlenhydraten es sich handelt.
Besonders gut verkauft sich diese Philosophie in Bezug auf das sogenannte Abnehmversprechen. Indem man auf Kohlenhydrate verzichtet oder diese stark reduziert, kann man schnell und problemlos abnehmen. Schon Dr. Atkins verkaufte unzählige Bücher darüber und taufte sein Konzept die Dr. Atkins Diet.

Ernährungsphilophien – bedenklich auf ihre eigene Art. Vor allem dann, wenn sie uns ein gestörtes Verhältnis zum Thema Ernährung bescheren. Oder uns in einem bereits gestörten Bezug dazu noch bestätigen.

Denn, je mehr Regeln uns ein Ernährungskonzept auferlegt, desto restriktiver wird unsere Ernährung. Und auferlegte Essensregeln können bei manchen von uns die Gefahr in sich bergen in ein gestörtes Essverhalten abzugleiten.

Wenn sich das schlechte Gewissen meldet, weil man sich nicht an die Regeln des Food Combining gehalten hat. Oder verzweifelt, weil man auf der Speisekarte eines Restaurants nichts Passendes findet um die jeweiligen Regeln einzuhalten. Oder wenn man ein schlechtes Gewissen davon bekommt einmal etwas Ungesundes oder etwas Gekochtes gegessen zu haben.

Sobald sich diese Stimmen melden, kann es bedenklich werden.

Und manchmal kann genau das der Beginn einer Essstörung sein. Denn Essen sollte einem im Idealfall kein schlechtes Gewissen bereiten oder einen verzweifeln lassen, weil man sich an gewisse Regeln nicht gehalten hat oder es nicht konnte.

Ein anderer Begriff, neben den sonst bekannten Essstörungen , ist u.a. Binge Eating. Eine Form gestörten Essverhaltens, von der weitaus mehr Menschen betroffen sind als beispielsweise von Magersucht. Eigentlich heißt es, Binge Eating sei die am meisten verbreitete Essstörung überhaupt.

Binge Eating ist eine Essstörung, bei der es zu periodischen Heißhungeranfällen kommt. Sie ist Die am weitesten verbreitete Essstörung. (Bundesfachverband Essstörungen)

Und genau hier setzt die Diet Culture einmal mehr an. Das Versprechen mit ihren Mitteln und Konzepten unsere Abnehmziele zu erreichen und damit den Körper zu erhalten, den wir uns immer gewünscht haben.

Denn wenn wir wüssten wie es richtig geht, bräuchten wir den ganzen Diätenmarkt nicht.

Oder?

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How to eat?

Zwischen einer milliardenschweren Diet-Industry und dem Labyrinth verschiedener Ernährungstrends, ist es doch meist der Wunsch nach Gesundheit, Wohlbefinden und einem gesunden Bezug zu Essen, der uns antreibt. Oder nicht?

Wir wollen Lösungen für unsere Probleme. Fraglich ist jedoch ob Diäten uns diese Lösungen bieten werden. Denn, wenn unser Verhältnis zu Essen gestört ist, werden uns so manche Diätwunderprodukte bestimmt nicht zeigen wie wir es in Zukunft besser machen können. Vor allem nicht auf Dauer.
Da machen wir Wasserfasten-Kuren, nehmen ein paar Kilo ab (meist Waterweight), nur um dann wieder die verlorenen Kilos und noch ein paar mehr wieder zuzunehmen. Der berühmtberüchtigte Jojo-Effekt. Gerade deshalb heißt es, sind Diäten selten von dauerhaftem Erfolg gekrönt. Auch wenn es die Diät-Industrie nährt.

Was ist nun die Antwort auf all das?

Ich glaube viele von uns hatten schon einmal Phasen, in welchen sie ein gestörtes Verhältnis zum Thema Essen hatten. Oder vielleicht auch mal mit einer Essstörung zu kämpfen hatten oder haben.
In manchen Fällen können diverse Ernährungskonzepte zu einer positiven Veränderung führen, uns zeigen wie wir uns langfristig gesund ernähren können. Doch nicht selten bergen so manche Behauptungen auch die Gefahr in ein gestörtes Essverhalten abzudriften.

Persönlich befürworte ich intuitives Essen. Eine Ernährungsweise ohne Regeln. Ohne Vorgaben und sogenannte Cheat Days. Oder Klassifizierungen zwischen guten oder schlechten Lebensmitteln.
Einfach essen worauf man Lust hat, ohne schlechtes Gewissen. Mal gesund und auch mal die Tafel Schokolade auf dem Sofa.

Ernährungskonzepte müssen nicht per se schlecht und bedenklich sein. Dann, wenn sie uns dabei helfen unsere Ernährung dauerhaft umzustellen und einen gesunden Bezug zum Thema Ernährung zu finden.

Dennoch kann es nicht schaden so manches zu hinterfragen und auf seine Tauglichkeit zu prüfen, bevor man den Selbsttest startet. Denn nicht alles was gut klingt, ist es auch.

 

 

Fotos: Pexels.com

 

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