Fragwürdiger Mukbang-Hype. Wie der Youtube-Trend gestörtes Essverhalten promotet


Im heutigen Internet gibt es viele Trends. Alles, was Zuschauer anlockt, verspricht zum nächsten Hype zu werden. Die Sinnhaftigkeit dahinter scheint dabei oftmals zweitrangig zu sein.

Mukbang hört sich zuerst einmal ziemlich unscheinbar, wenn nicht gar harmlos an. Doch was aus dem aus Südkorea stammenden Begriff inzwischen geworden ist, ist oftmals das maßlose Verschlingen viel zu großer Essensmengen vor laufender Kamera, von der nicht nur eine, nein, manchmal sogar vier Personen satt werden könnten.
So haben sich daraus inzwischen ganze Youtube-Kanäle entwickelt, die teilweise sogar ihren Lebensunterhalt mit dem Verschlingen solcher Essensmassen verdienen. Ein Video nach dem anderen zeigt, wie eine Person viertausend, manchmal auch mehr Kalorien in einer Sitzung verschlingt, und währenddessen von seinen Problemen, Gedanken oder seinem Alltag erzählt.

Was ist Mukbang eigentlich?

Für alle, die mit dem Begriff nichts anfangen können: Mukbang bzw. „meokbang“ stammt eigentlich aus Südkorea und setzt sich aus den koreanischen Worten für essen – „meokneun“  und Übertragung „bangsong“ zusammen. Etwa seit 2009 hat sich das Essen vor laufender Kamera zu einem weltweiten Trend entwickelt.
Wohl soll es auf manche beruhigend und teilweise entspannend wirken anderen beim Essen zuzusehen. Auf der anderen Seite bedient es jedoch auch eine Art der Schaulustigkeit. Denn nicht selten werden bei solchen Mukbang-Sessions große, bis übergroße Portionen, und nicht nur normale Mahlzeiten verzehrt.

Seit wann sind Essensanfälle vor laufender Kamera zum Trend geworden?

Heutzutage scheint es schon fast normal zu sein, dass man mit dem Essen großer Essensmengen vor laufender Kamera seine Brötchen verdient.
Sogenannte Cheatdays oder Zehntausend Kalorien Challenges sind dabei schon längst nichts außergewöhnliches mehr. Noch beeindruckender ist es, wenn besonders fitte Youtuber ihren Gelüsten freien Lauf lassen. Ein Beispiel dafür wäre wohl „Furious Pete“, der regelmäßig an Esswettbewerben teilnahm und beispielsweise eine Flasche Olivenöl vor laufender Kamera trank.
Egal ob 12 Donuts in einer Sitzung oder zehn Burger in one go, desto größer die Mengen, desto größer die Leistung. Besonders „beeindruckend“ wird es, wenn schlanke, teilweise sogar zierliche jungen Frauen solche Mengen verschlingen können.

Neidisch blicken jene hinter dem Bildschirm auf die fitten und schlanken Körper solcher Personen und fragen sich: Wo stecken die das nur hin?

Dass solche Exkurse in die Völlerei nicht lange dazu beitragen ein schlankes Erscheinungsbild aufrecht zu erhalten, sollte wohl jedem gesunden Menschenverstand klar sein.

Noch wichtiger aber: Insbesondere die eigene Gesundheit wird langfristig darunter leiden.

Und genau hier wird es gefährlich.

Denn das regelmäßige Verschlingen großer Essensmengen, und die damit einhergehende Erwartungshaltung des Publikums vor den heimischen Bildschirmen, kann nicht selten ein gestörtes Essverhalten begünstigen. Sei es Kalorienrestriktion auf der einen Seite, um nicht zuzunehmen oder, das durch Cheatdays Zugenommene wieder loszuwerden. Und Binging auf der anderen Seite, wenn durch die andauernde Kalorienrestriktion der Heißhunger immer größer wird.
Somit kann das Risiko gegeben sein, dass dieser Kreislauf die Entwicklung eines gestörten Essverhaltens, ja, sogar einer Essstörung in sich birgt. Und der Bezug zu normalen Essgewohnheiten immer mehr aus den Fugen gerät.

Manche Youtuber wie „Always hungry“ zum Beispiel, welche mit Cheatdays wie: „I ate as many donuts as possible in ONE day“ oder „I ate the entire Alphabet in 24 hours“ vor der Kamera brillieren, meinen ihnen hätten diese Cheatdays dabei geholfen u.a. ihre Magersucht zu überwinden. Zumindest laut einem Video mit dem Titel „Anorexia vs. 10 kcal Challenge“. Auf der anderen Seite wiederum sieht man jene Youtuber, die sich selbst den Namen der immer Hungrigen geben, wie sie sich unter der Woche von nicht mehr  als 1400 bis 1600 Kalorien ernähren.

Ob eine zehntausend Kalorien Challenge wirklich dabei hilfreich ist eine Essstörung wie Magersucht zu überwinden, ist aus meiner Sicht fragwürdig. Denn für andere wiederum kann solcher Inhalt vielmehr triggernd sein. Vor allen Dingen aber vermittelt dieser Ernährungsstil ein Bild der Extreme. Hungern vs. Overeating.

Warum kann es kein Mittelmaß sein?

Weil es sonst nicht so viele Views bringen würde? Denn Extreme verkaufen sich wohl besser, als ein normales, gesundes Essverhalten.

mukbang

Desto größer die Menge, desto besser…?

Von Essen kann bei manchen dieser Mukbang-, aber auch Cheatday-Sessions nicht mehr die Rede sein. Es ist ja nichts dagegen einzuwenden vor laufender Kamera zu essen und das mit seinen Zuschauern zu teilen. Doch wenn drei große Pizzen, dazu noch fünf Burger und zum Nachtisch noch acht Donuts aufgetischt werden, was dann eine einzelne Person in einer Sitzung zu sich nimmt, dann frage ich mich schon, seit wann das normal geworden ist?

In unserer Gesellschaft gibt es schon seit Jahren, auch fernab vom Begriff des Mukbang, den Trend immer größerer Essensmengen. Seien es riesige Schnitzel oder riesige Burger. Wer am meisten verdrücken kann, erntet den Respekt der anderen. Dabei landet bei sogenannten XXL-Restaurants nicht selten der Großteil des bestellten Essens im Müll.

Eine fragwürdige Entwicklung. In gleich mehreren Aspekten.

Denn während die einen nichts oder zu wenig zu essen haben, zelebrieren wir sogenanntes Kampfessen. Dabei könnten Ressourcen klüger eingesetzt werden.
Gefährlich auch für die Gesundheit.

Wenn finanzielle Abhängigkeit krank macht

Wo finanzielle Abhängigkeit ins Spiel kommt, wird es schwer wieder die Kurve zu kriegen. Schwer abzunehmen und vielleicht einen gesunden Lebensstil zu führen. Denn, wollen das die ganzen Abonennten dann noch sehen?

Ein hoher Preis für finanzielle Unabhängigkeit.

Wenn von Essstörungen die Rede ist, dann hauptsächlich von Altbekannten wie Magersucht und Bulimie. Begriffe, die uns schon lange nicht mehr fremd sind.
Ist man zu dünn, gilt das als ungesund und wird mahnend zur Vernunft gerufen. ‚

Doch warum bedeutet Berge an Essen verschlingen zu können sich den Respekt anderer zu verdienen?
Und noch wichtiger: Warum gilt in unserer Gesellschaft Junkfood zu essen (selbst wenn man satt ist und nicht mehr möchte) als Bestätigung dafür ein gesundes Verhältnis zu Essen zu haben?

Der wohl traurige Krux an der ganzen Sache: Was die Schaulustigkeit der einen bedient, spielt langfristig mit der Gesundheit der anderen. Doch genau das scheinen so manche nicht sehen zu wollen.
Begibt man sich in die Kommentarfunktion mancher Mukbang-Youtuber, so liest man dort, sobald jemand gesundheitliche Bedenken äußert Verteidigungs-Kommentare wie, derjenige solle ihn oder sie in Ruhe lassen. Der Youtuber sei glücklich so wie er ist. Solche Kommentatoren sollten sich doch dann andere Youtube-Kanäle anschauen, wenn ihnen die dargebotenen Eating-Shows nicht gefallen.
Auf der anderen Seite wiederum ist es jedoch normal gesundheitliche Bedenken zu äußern, sollte ein Youtuber oder eine Youtuberin zu dünn sein. Sofort schrillen die Anorexie-Alarmglocken und die geäußerten gesundheitlichen Bedenken gelten als Zeichen gemeinschaftlicher Fürsorge.

Irgendwie surreal dieses Verhalten. Dabei sagen manche Mukbang-Youtuber selbst, dass sie sich Sorgen um ihre Gesundheit machen und daher am liebsten mit den Mukbang-Videos aufhören möchten. Weil sie sich entweder noch Tage nach solchen Videos schlecht fühlen oder merken, wie sie plötzlich Probleme beim Atmen bekommen. Und das mit unter 30 Lebensjahren.

Ein solches Video wäre u.a. dieses hier von „Steven Sushi“

Das Maß der Dinge

Auf der einen Seite zelebrieren wir die Völlerei vor laufender Kamera, und auf der anderen Seite fragen wir uns wie wir uns normal ernähren sollten. Ja, manchmal sogar wie intuitives Essen eigentlich noch funktioniert? Fehlt uns das Sättigungsgefühl oder überhören wir die Hungersignale unseres Körpers, kann genau das zu einem schweren Unterfangen werden. Und hängt an dem was und wie wir essen auch noch die Erwartungshaltung anderer, vielleicht die eines Publikums, kann genau das fast unmöglich werden.

Schlank, fit und glorifiziert

Egal ob zehntausend Kalorien an einem Tag oder regelmäßige Cheat Days, auch sogenannte Fitness-Youtuber obliegen nicht selten diesem Trend. Auf der einen Seite promoten sie Fitness und Gesundheit. und auf der anderen Seite Binge Eating.
Wenn Binging zur Regelmäßigkeit wird, ja, dann kann man aus meiner Sicht schon von einem gestörten Essverhalten sprechen. Doch das scheinen nur wenige zu hinterfragen.
Denn, wie bereits erwähnt, jedem sollte klar sein, macht man sowas auf Dauer, wird man irgendwann nicht mehr ganz so fit sein. Denn auf Dauer wird es schwer auf diese Weise eine schlanke Ästhetik zu wahren. Insofern müssen dann andere Mittel herhalten um diese weiter zu gewährleisten. Meist exzessiver Sport oder Kalorienrestriktion.
Davon einmal abgesehen, dass solche Eating Challenges auf Dauer für den menschlichen Körper eine ziemlche Belastung darstellen.

Mukbang ist ein aus meiner Sicht gefährlicher Trend geworden, der nicht nur ein gestörtes Essverhalten promotet und sogar glorifiziert, sondern auch maßgeblich die Gesundheit der „Mukbanger“ vor der Kamera gefährdet.

Oder was denkst du darüber?

 

Fotos: Pexels.com

7 Kommentare zu „Fragwürdiger Mukbang-Hype. Wie der Youtube-Trend gestörtes Essverhalten promotet

  1. Ich kenne diesen Trend, da er sich nicht nur auf „viel“, sondern auch auf „perverses“ Essen erstreckt, sodass sich die Tierschutz-Szene damit befasst. Lebende Fische, Oktopusse uvm. werden massenweise vor laufender Kamera verspeist.

    Die Klick-Zahlen sind unglaublich. Ein nicht nur für den Mukbanger gefährlicher Trend!

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Edda,

      oh ja, das ist in der Tat ein weiterer bedenklicher Punkt an diesem ganzen Mukbang-Trend.
      Teilweise werden lebende Schnecken oder Oktopusse gezeigt, wie an ihren Gliedmaßen gezogen wird, oder wie sie mit Salz eingerieben oder irgendwelchen Soßen übergossen werden. Und das bei lebendigem Leib.
      Um es auf den Punkt zu bringen: Tierethisch nicht vertretbar.

      Dieser Trend schadet auf so vielen Ebenen. Und verdeutlicht einmal mehr, dass in unserer Gesellschaft etwas schief läuft.

      LG

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  2. Ich kenne diesen Trend, da er sich nicht nur auf „viel“, sondern auch auf „perverses“ Essen erstreckt, sodass sich die Tierschutz-Szene damit befasst. Lebende Fische, Oktopusse uvm. werden massenweise vor laufender Kamera verspeist.

    Die Klick-Zahlen sind unglaublich. Ein nicht nur für den Mukbanger gefährlicher Trend!

    Gefällt 1 Person

    1. Hey,
      mir war bis vor ein paar Wochen dieser Trend auch nicht bekannt, bis ich zufällig darauf gestoßen bin. Und was ich dort sah, hat mich schon sehr schockiert.
      Ich sehe es ähnlich wie du, ich weiß nicht was der Reiz an solchen Fressorgien ist. Denn ansprechend ist es aus meiner Sicht keineswegs, vielmehr, wie gesagt, gefährlich. Eine Verherrlichung von Binge-Eating sozusagen.
      LG

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  3. Hallo Cordula,
    erst einmal danke für Deinen ausführlichen Blogpost.
    Ich muss gestehen, dass ich von diesem Trend noch gar nicht mitbekommen hatte, die Info darüber aber auch beruflich gesehen (ich bin Psychotherapeutin) sehr hiflreich fand. Zunächst interessiert habe ich dann nach „Always hungry“ gegoogelt und dann recht schockiert dieses Cake-Video gesehen… einfach nur als stinknormaler Mensch, habe ich für so ein Verhalten kein Verständnis und 1000 Fragezeichen im Kopf.
    Fachlich dachte ich auch sofort an essgestörtes Verhalten, Förderung der Entwicklung einer Essstörung und Binge Eating. Wenn man bedenkt, dass Essstörungen oft mit einem gelebten falschen Selbst, wie wir das u. a. nennen, einhergeht, ist ein Erfinden eines digitalen Selbst, das nur auf das Außen gerichtet ist, ein möglicher Verstärker einer solchen Entwicklung.
    In meiner Praxis beobachte ich immer mehr, dass die v.a. jungen Menschen (unter 30), die zu mir kommen, oft ein schimmerendes Social Media-Ich haben (Insta, Youtube,…), das aber mit der Leere, der Perspektivlosigkeit und den Ängsten und Depressionen, die damit einhergehen, in keinem Verhältnis stehen. Und es ist therapeutisch gar nicht so einfach, gegen die „Macht“ der digitalen Welt anzukommen.

    Nochmal danke, für das Aufmerksam machen auf diese Bewegung.
    Herzlichst,
    Barbara

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    1. Hallo Barbara,
      vielen Dank für deinen kommentar und auch deine Perspektive als Therapeutin.
      Ich denke gerade aus fachlicher Sicht hat man auf solche Themen nochmals einen anderen Blick.
      Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die digitale Präsenz, die manche nach außen hin zeigen, oftmals in direktem Misverhältnis zum eigentlich gelebten Selbst stehen. Da kann ich mir durchaus sehr gut vorstellen, dass dagegen anzukommen sehr schwer ist. Denn nicht alles was Influencer oder auch andere Menschen im Internet von sich zeigen entspricht der realen Persona oder wie die Person vor der Kamera wirklich im realen Leben ist.

      Ich finde dieser Mukbang-Trend fördert auf jeden Fall ein gestörtes Essverhalten. Dieses Cake-Video fand ich, neben vielen anderen, auch sehr schockierend. Es gibt u.a. auch Youtuber wie beispielsweise „Hungry Fat Chick“, die genau das wieder geben was ihr gewählter Nickname schon preis gibt. Und ob solcher Content wirklich gut ist, auch für junge Menschen, aber auch die Betreiber dieser Kanäle denke ich ist sehr fragwürdig.

      LG

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