Warum Stigmatisierung keinem hilft…


Stigmatisierung.
Ein breit gefächertes und ernstes Thema.
Eines, das mir gerade so durch den Kopf geht, während ich, im Zuge meines Fernstudiums, vor meinen Studienunterlagen sitze und mir das Modul der Störungslehre zu Gemüte führe.
Von Affektiven Störungen, über Persönlichkeitsstörungen bis hin zum Thema Essstörungen.
Was bedeuten sie, was sind die diagnostischen Kriterien und wodurch entstehen sie. Durch Genetik, die Umwelt oder vielleicht soziale Faktoren? Durch Traumatisierungen bei der Geburt?
Oder durch ein wechselseitiges Gemisch aus allem zusammen?

Alle haben sie eines gemein: Nicht selten gehen psychische Erkrankungen mit Stigmatisierungen einher. Mit gesellschaftlichen Vorurteilen, gebildet meist auf Halbwissen, manchmal auch ein Ausspruch mangelnder Kenntnis, einem Gemisch aus Teilwahrheiten und den üblichen Vorurteilen, die vielleicht auf manche zutreffen, auf andere aber wiederum überhaupt nicht.

Die Soziologie definiert den Begriff der Stigmatisierung wie folgt:

„ein Prozess, durch den Individuen bestimmte andere Individuen in eine bestimmte Kategorie von Positions­inhabern einordnen, durch Zuschreibung von Merkmalen und Eigenschaften, die diskreditierbar sind“

Meist werden Menschen, welche stigmatisiert werden also in eine gewisse Schublade gesteckt und mit negativen Bewertungen versehen. Ähnlich wie zum Beispiel: Übergewichtige seien generell faul und träge.
Oder Menschen mit Tätowierungen seien alle ungebildet und kriminell.

Eines jedoch ist gewiss: Stigmatisierung kann es besonders Betroffenen von psychischen Erkrankungen noch schwerer machen gesund zu werden. In manchen Fällen kann es sogar dafür sorgen, dass sich die eigentliche Krankheit noch verstärkt bzw. verschlimmert, und zusätzlich den Leidensdruck erhöht, da durch die negative Bewertung im Außen ein weiterer negativer Faktor hinzu kommt.

Ein gebrochener Arm ist sichtbar…

…eine gebrochene Psyche nicht immer.
Während körperliche Erkrankungen meist gut verständlich und ja, auch etwas sind, das mit zunehmendem Alter einher geht, und somit teilweise zu erwarten ist, sind manche psychische Erkrankungen für viele von Außen ein Rätsel. Wenig verständlich.
Was ist das… Borderline? Emotional instabile was?
Oder eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung? Oder eine Zwangsstörung?
Wie bitte?

Meist alles andere als leicht zu erklären was genau dahinter steckt. Und wie sich aufgelistete Symptome für einen Betroffenen anfühlen. Denn auch diese können bei jedem verschieden ausgeprägt sein. Auch unterschiedlich in ihren Schweregraden.
So kann der eine einem normalen Alltag nachgehen, phasenweise unter seiner Krankheit leiden. Und der andere ist zu einem normalen Alltag mit Berufstätigkeit und alledem gar nicht mehr in der Lage.
Zwei Menschen können also ein und dieselbe Krankheit haben, es kann sich bei jedem jedoch vollkommen unterschiedlich zeigen.

Stigmatisierung unterscheidet hierbei aber nicht.
Sie öffnet nur eine Schublade und steckt alle Betroffenen einer Krankheit dort hinein.

Darum ist es so wichtig offen darüber zu sprechen.

Um eben diesen Stereotypen entgegen zu wirken. Denn mentale Gesundheit kann uns alle betreffen. Nicht nur die anderen.
Denn unsere mentale Gesundheit ist mindestens genauso wichtig wie unsere körperliche Gesundheit. Denn oftmals bedingt eines das andere. Nicht umsonst spricht man mitunter von der Wechselwirkung von Körper und Geist.

Wie ich einmal in einem Beitrag über meine persönlichen Erfahrungen mit Magersucht sprach, ist mir selbst das Thema auch nicht fremd. Ich durfte schon die Bekanntschaft mit depressiven Episoden, Anspannungszuständen und auch so mancher Panikattacke machen.

Stärke bedeutet nicht nur stets nach außen hin zu zeigen, dass man möglichst gut funktioniert. Dass man alles im Griff hat und einen nichts erschüttern kann. Stärke bedeutet auch seinen Schwächen Raum zu geben, mal zu weinen, sich mal einzugestehen eben nicht weiter zu wissen.
Denn all das ist in erster Linie menschlich.

Gut ist, dass sich inzwischen der gesellschaftliche Dialog mehr geöffnet hat. Wir können offener über Depressionen und Essstörungen, unsere Erfahrungen mit Panikattacken und Angststörungen sprechen.
Denn genau das ist wichtig.
Damit Betroffene sich auch trauen Hilfe anzunehmen. Denn genau das ist eines der großen Nachteile der Stigmatisierung. Oftmals sorgt die Angst in eine negativ behaftete Schublade gesteckt zu werden dafür, dass Betroffene über ihr Leiden schweigen.
Vielleicht aus Angst abgestempelt zu werden. Weil manche Störungsbilder haben leider nicht immer einen guten Ruf. Oder vielleicht auch deshalb, weil so manche glauben sowieso im Außen nicht verstanden zu werden.
Nach dem Motto: Ein Depressiver soll sich einfach mal nicht so anstellen. Oder ein Essgestörter einfach normal essen. Alles doch ganz einfach. Einfach Schalter umlegen, und dann funktioniert das alles schon.
Leider nein, ganz so einfach ist das nicht immer.
Wenn sich ein Depressiver einfach nur zusammenreißen müsste, dann hätten sich Schauspieler wie Robin Williams, bekannt aus Filmen wie Peter Pan und Good Will Hunting, sicher nicht das Leben genommen. Denn, während er mit seinen Filmen so manchen von uns mitunter zum Lachen brachte, litt er seit Jahren an Depressionen.

Daher, ein offener Dialog hilft nicht nur, dass wir offener über solche Themen sprechen können, es sorgt auch für die Erweiterung unseres Wissens. Doch vor allen Dingen: Es macht es Betroffenen um so einiges leichter. Sich ihrem Umfeld gegenüber zu öffnen und somit so manchen Leidensdruck zu verringern.

In erster Linie sind wir alle Menschen

Mit Stärken und Schwächen. So wie sie jeder von uns hat. Deshalb sollten wir andere auch so behandeln wie wir selbst behandelt werden wollen.
Mehr Wissen kann uns dabei helfen gerade so manche verbohrte Stereotype abzubauen. Denn genau diese dienen ja meist dazu uns die Welt einfach erklärbar zu machen. Entsprechen jedoch nicht immer der Wahrheit.

Mehr Verständnis für das Päckchen der anderen. Sehr wichtig. Denn wir alle haben ein solches, das wir tagtäglich mit uns tragen und das Einfluss auf unser Verhalten, Erleben und Handeln hat.

Besonders in der jetzigen Zeit ist nicht nur Selbstfürsorge, sondern auch seiner eigenen psychischen Gesundheit mehr Beachtung zu schenken ein wichtiger, nicht zu unterschätzender Faktor.

Denn, selbst wenn man manchmal denkt mit seinen Problemen allein zu sein, es gibt so viele Menschen da draußen, denen es genauso geht. Oder auch mal ging.
Deshalb mal etwas über den Tellerrand hinaus zu schauen, kann uns dabei helfen so manches zu hinterfragen, und ja, auch so manche Scheuklappen abzulegen.

Denn eines ist sicher: Niemand möchte stigmatisiert werden!







8 Kommentare zu „Warum Stigmatisierung keinem hilft…

  1. Wirklich ein sehr guter Artikel über das Thema, vielen Dank!
    Schubladendenken ist in meinen Augen eine allgemeine Art und Weise mit der viele Leute in sämtlichen Bereichen des Lebens versuchen mit dem Umfeld klarzukommen. Mit allem, was einzuordnen ist, kann man irgendwie leben. Was sich nicht einordnen lässt, ist eine Bedrohung, daher muss schnell eine neue Schublade gefunden oder erfunden werden. Schubladen machen sicher. Dass Schubladendenken auch stark einschränkend ist, für alle Beteiligten, wird nicht wahrgenommen. Stigmatisierung/Schubladendenken entsteht aus purer Angst vor dem Unbekannten.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, da hast du absolut recht. Es soll die Dinge vereinfachen und Sicherheit suggerieren. Andererseits hat es jedoch den Nachteil, dass es nicht differenziert. Verallgemeinerungen unterscheiden nun einmal nicht zwischen einzelnen Aspekten oder auch Menschen, sodass es nicht nur für einen selbst, sondern such für andere schlussendlich negative Aspekte beinhaltet und diese leider auch verstärkt.

      Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank für den tollen Artikel! Ich finde es als Angehörige sehr schwierig, die richtige Balance im Umgang zu finden. Wir haben einen depressiven, teilweise suizidalen Teenager, bei dem dann nahezu keine Grenzen gesteckt werden, aus Angst „sie könnte sich was antun“. Auf der anderen Seite bestimmt somit ihre Krankheit und ihr Verhalten unseren gesamten Alltag, weil sich ihre leiblichen Eltern (ich bin „nur“ die Stiefmutter) nicht trauen, auch mal „nein“ zu sagen.

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    1. Hallo,
      Danke dir :).
      Ja, das glaube ich. Einfach ist es natürlich nicht. Eine Krankheit, ob psychisch oder körperlich, stellt natürlich auch das Umfeld mitunter vor gewisse Herausforderungen.
      Hierbei denke ich kann es dann hilfreich sein sich auch Rat von außen zu holen. Um für sich, aber auch mit dem Betroffenen zusammen Strategien ausarbeiten zu können, die die Bewältigung des Alltags erleichtern können.
      Lg

      Gefällt 1 Person

      1. Wir waren mit ihr bei der Therapeutin, auch mein Partner mit ihr alleine, und es wurden Prozesse angestoßen, aber nicht fortgeführt. Als getrennt lebender Elternteil hat man in solchen Fällen einfach die A**karte, wenn die Informationen nicht weitergegeben werden. Aber das würde jetzt hier zu weit führen…

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      2. Das tut mir leid zu hören.
        Aber ich denke, dass sich für so gut wie jedes Problem irgendwann eine Art von Lösung finden lässt. Manchmal braucht es mitunter mehrere Versuche.
        LG

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